Hauptförderer
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KLASSEnSÄTZE-Siegerin in der Altersgruppe 5./6. Klasse:

Marta Baches vom Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium (Kl. 5a): „Trauer“

Der siegreiche Text von Marta Baches erschien am 13./14. Mai 2017 im Hamburger Abendblatt. Laden Sie ihn sich hier als PDF herunter.
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Platsch! Und du bist dort. Dir wird kalt. Es fühlt sich an wie Wasser, doch das ist es nicht. Langsam  merkst du, wie du keine Luft mehr kriegst. Du suchst nach der Oberfläche, du musst hier raus. Du  strampelst mit den Armen, doch es bringt nichts. Panisch siehst du dich um. Es muss einen Ausweg  geben. Irgendwo. Doch: Nein, es gibt keine Oberfläche. Du bist gefangen. Gefangen in unendlicher  Trauer. Deine Lungen ziehen sich zusammen, der Luftmangel wird unerträglich, dir bleibt nichts  anderes übrig. Du hörst auf dich zu wehren, du hörst auf zu versuchen, wieder nach oben zu kommen.  Alles um dich herum ist blau. Du schließt die Augen und lässt dich treiben. Obwohl es keine  Strömung gibt, die dich irgendwo hintragen kann. Nein, hier gibt es kein Vor oder Zurück. Es gibt nur  Tief. Tiefer. Tiefer. Plötzlich nimmst du etwas wahr. Du erkennst Stimmen, besorgte Stimmen. Doch  sie sind dir egal. 

 

Du erinnerst dich an die Minute, bevor du eingetaucht bist. Als die Nachricht kam, bist du stehengeblieben.  Hast alles losgelassen. Alles war egal. Es gab nichts mehr, dass wichtig für dich war. Deine  Augen wurden glasig. Alle Geräusche um dich herum wurden gedämpft wie durch eine Betonwand.  Stille. Du versuchtest zu schreien, doch kein Ton kam aus dir heraus. Dann bist du eingetaucht. 

 

Und jetzt. Jetzt ist es schon zu spät. Du bist hier, bewegst dich nicht und spürst nichts mehr. Du  fühlst nur noch Wut und Trauer. Eine gefährliche Mischung. Du wünschst, du könntest zurückgehen.  Du wünschst dir, du hättest … Doch Wünsche werden hier nicht erhört. Es ist schon viel zu spät, um  zu entkommen. Du traust dich nicht, an die Zukunft zu denken. Du hast Angst, dass deine schrecklichen  Vorstellungen wahr werden. Obwohl: Hier gibt es keine Zukunft. Keine Gegenwart. Nur Vergangenheit.  Schmerzende Erinnerungen. Du ertrinkst in ihnen. 

 

Du denkst zurück. Wäre dieser eine Moment nicht gewesen, hätten sie es dir verschwiegen, dann  wärst du jetzt nicht hier. Du wärst glücklich. Könntest lachen. Fröhlichkeit - eine ferne Erinnerung.  Als wäre es Jahre her gewesen, dass du das letzte mal gelächelt hast. Dabei ist es doch nur ein paar  Minuten her, seit du eingetaucht bist. Zeit existiert hier eben nicht. Zeit beschreibt Ordnung und  Regelmäßigkeit. Gibt’s hier nicht. Hier ist die Zeit unregelmäßig und reißt dich mit in eine unendliche Tiefe. 

 

Wieder denkst du zurück. Tränen treten dir in die Augen. Wäre es nicht passiert. Wäre es einfach  nicht passiert! Doch das Geschehene kann man nicht ändern. Vergangenheit ist Vergangenheit,  denkst du. Langsam merkst du, wie du das Geschehene akzeptierst. Mit jedem Wimpernschlag bekommst  du mehr Luft. Du bist wieder in der Lage, einen Atemzug zu nehmen. Du atmest wieder.  Endlich. Deine Arme lösen sich aus der Starre. Du bewegst deine Finger, versicherst dich, dass du es  wirklich bist und noch lebst. In deinem Augenwinkel entdeckst du etwas Helles. Du drehst dich um  und erblickst Licht. Licht am Ende des Tunnels der Trauer. Du strampelst mit Armen und Beinen. Du stemmst dich hoch an die Oberfläche. Dies ist deine einzige Chance. Du gibst alles. Mit jedem Meter  an die Oberfläche sinkt die Angst, wieder zurückzufallen. Du bemerkst, dass du wieder normal atmen  kannst. Und – platsch! Du bist wieder da, in Sicherheit. An der Oberfläche. Du hast das Geschehene  akzeptiert. Der Nebel hinter deiner Stirn lichtet sich. 

 

Du bist aufgetaucht.