Hauptförderer
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KLASSEnSÄTZE-Sieger 2016 in der Altersgruppe 7.-9. Klasse:

Julius Bleck vom Gymnasium Meiendorf mit dem Text "Grenzerfahrungen unterwegs".

                                                                

Es war bereits die fünfte Nacht in Folge, in der ich mit Freunden unterwegs auf der Piste gewesen war. Nein, nicht im Schnee, sondern in den angesagtesten Clubs unserer Stadt. Soweit ich mich in meinem Zustand erinnern konnte, hatten wir auch diesmal cool abgefeiert. Dennoch schwor ich mir, als ich nun so durch den Wald von der U-Bahn nach Hause torkelte, dass ich ab morgen zu Hause bleiben würde, um für die schriftlichen Abiprüfungen zu lernen. Schließlich stand die erste Klausur bereits in acht Tagen an. Außerdem verlangte mein Körper dringend nach Schlaf und Ausnüchterung. Mir war speiübel und der Alkohol benebelte meine Sinne.

Und genau da passierte es, als meine Reaktionsfähigkeit gegen Null tendierte: Ich wurde von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Noch ehe mir bewusst wurde, was sich hier gerade abspielte, spürte ich sehr schmerzlich die Tritte gegen meine Rippen, die Schläge auf den Kopf und ins Gesicht, den Faustschlag in die Magengrube. Voller Panik versuchte ich meinen Körper zu schützen, in dem ich die Hände über den Kopf hielt und mich wie ein Embryo zusammenrollte. Krampfhaft überlegte ich, wie ich mich wehren könnte. Doch als ich wütend um mich schlug und trat, kassierte ich gleich den nächsten Tritt in den Bauch. Verzweifelt schrie ich um Hilfe. Doch wer sollte mich mitten in der Nacht im dunklen Wald hören und mir helfen? Die Schmerzen wurden immer unerträglicher und in meinem Kopf drehte sich alles, doch die Angreifer hörten einfach nicht auf, auf mich einzudreschen. Wer waren sie und was wollten sie von mir? Plötzlich rief einer von ihnen: "Ey Alter, lass gut sein, der krepiert uns sonst noch!" Doch der Typ namens "Alter" wollte davon nichts wissen und versetzte mir einen weiteren Faustschlag ins Gesicht. Und noch während mir die Sinne schwanden, traf mich die Erkenntnis wie ein weiterer Schlag: Ich hatte die Stimme erkannt! Das war doch... aber warum... und dann wurde alles um mich herum schwarz.

Als ich langsam wieder zu mir kam, dauerte die Hoffnung, dass alles nur ein böser Albtraum gewesen wäre, genau zwei Sekunden. Nämlich bis ich versuchte, mich umzudrehen. Stechende Schmerzen durchzuckten meinen Körper und bei einer anschließenden Bestandsaufnahme fand ich nicht einen Millimeter, der nicht höllisch wehtat. Ich stöhnte. Mein Kopf dröhnte, das Gesicht brannte und ein Auge schien total zugeschwollen zu sein. Ich atmete tief durch und richtete mich ganz langsam auf, um mit dem anderen Auge meine Umgebung zu betrachten. Wo war ich hier? Ich befand mich auf einer schmalen Pritsche allein in einem kargen Kellerraum, in den nur schwaches Tageslicht durch einen kleinen Fensterschacht fiel. Ein morscher Schrank, ein von Spinnweben überzogener Spiegel mit kaputtem Glas sowie ein schmutziger Tisch mit einem klapprigen Stuhl davor waren die einzige Möblierung meiner neuen Behausung. Das einzig stabile schien die verschlossene Tür zu sein. Unter dem Schrank lugte eine pelzige Ratte hervor. Ich hasste Ratten! Aber noch mehr hasste ich meinen erbärmlichen Zustand und die Situation, in der ich mich befand. Was hatte das alles zu bedeuten? Die Erinnerungsfetzen der letzten Nacht setzten sich wie ein Puzzle in meinem Kopf zusammen: Die Party im Club; der Alkohol; der Abschied von meinen Freunden; die U-Bahn; der Wald; die... die Angreifer; die unerträglichen Schmerzen, die Wut, die Verzweiflung und dann die erlösende Ohnmacht. Und nun hier... Warum das alles? Dann nahm ein weiterer Gedanke in meinem Kopf langsam Gestalt an. Ich konnte ihn zunächst nicht richtig greifen, doch schlagartig kam die Erkenntnis. Kurz vor der Ohnmacht hatte ich den einen Angreifer an seiner Stimme erkannt: Kevin, der dämliche Typ aus meinem Mathekurs. Seine nervige Stimme hätte ich hundert Meilen gegen den Wind erkannt. Er war zwar ziemlich dumm, aber das war noch lange kein Grund, mich nachts im Wald zu überfallen und in ein Kellerloch zu sperren. Welchen Plan verfolgte er also?

Während ich noch vor mich hingrübelte, erklangen plötzlich Geräusche vor meiner Tür. Ein Schlüssel wurde ins Schloss geschoben und umgedreht. Dann sprang die Tür auf und zwei maskierte Gestalten betraten den Raum. Trotz billiger Strumpfmaske erkannte ich ihn sofort. Die schlaksige Figur, die unverwechselbaren O-Beine und nicht zuletzt die riesigen Quadratlatschen: Das war eindeutig Kevin. Und der andere? Dieser bullige Zwei-Meter-Typ? Das musste der hirnlose Ronny sein. Die beiden waren unzertrennlich und bildeten ein Gespann, dem ich bisher lieber aus dem Weg gegangen war. Nun ließ sich eine Konfrontation mit ihnen jedoch nicht mehr vermeiden. Was wollten die von mir? Und glaubten die wirklich, dass ich sie mit den Masken nicht erkennen würde? Wie dämlich!

"Na, du Genie", begrüßte mich Kevin abfällig, "hast du gut geschlafen?" "Wer seid ihr?", spielte ich ihr Versteckspiel mit. "Was soll der ganze Mist hier?" "Nur nicht frech werden, Mongo!", drohte mir Ronny und erhob dabei die Faust. Meine Eingeweide krampften sich zusammen und mir graute vor einem erneuten Angriff. Der aber blieb zum Glück aus und stattdessen stellte Kevin einen Laptop auf den wackligen Tisch. Er räusperte sich: "Realistisch betrachtet hast du genau eine Möglichkeit, hier wieder herauszukommen." "Und die wäre?", fragte ich. Dabei warf ich einen verstohlenen Blick zur offenen Tür und versuchte meine Chancen auf eine Flucht abzuschätzen.

Kevin verschränkte die Arme vor der Brust und grinste überlegen: "Du tust uns einen Gefallen und dafür lassen wir dich laufen. Wie klingt das?" "Und an welchen Gefallen hattest du dabei gedacht?", fragte ich. "Nun, du könntest zur Abwechslung einmal etwas Sinnvolles mit deinen ach so hoch gelobten Computerfähigkeiten anfangen, dich in den Server der Schulbehörde hacken und uns die Abiprüfungsaufgaben besorgen.", grinste er breit. "Spinnst du? Seid ihr komplett wahnsinnig?", brach es aus mir heraus. Drohend baute sich Ronny vor mir auf und sagte: "Und vor allem natürlich die Lösungen!"

Die beiden hatten völlig den Verstand verloren. So dämlich konnten selbst die beiden nicht sein. "Und wie stellt ihr euch das vor?", fragte ich, um Zeit zu gewinnen. "Glaubt ihr, ich rufe aus diesem Kellerloch hier mal eben die Homepage der Schulbehörde auf und schwupps erwarten mich dort die Abiklausuren?" "Wie du es anstellst, ist deine Sache. Aber wenn dir dein Leben lieb ist...", erwiderte Ronny und ließ dabei demonstrativ seine Fingerknöchel knacken. "Erzähl mir doch nicht, dass du als schulbekannter Hacker dieses Problem nicht knacken kannst! Große Klappe und nichts dahinter oder was?", ging Kevin dazwischen. "Ich habe nie behauptet, ein guter Hacker zu sein!", empörte ich mich wütend. "Vielleicht nicht direkt, aber dein krimineller Ruf eilt dir voraus...!" "Das sagt gerade der Richtige!", brauste ich auf und merkte zu spät, dass ich damit zu weit gegangen war. Meine Rippen bekamen dies erneut schmerzhaft zu spüren, als Ronnys klobigen Springerstiefel mich blitzschnell trafen. Ich schrie auf und krümmte mich vor Schmerzen.

"Überleg´ es dir, ob du es tust oder ob du doch die Alternative bevorzugst. Und wie die aussieht, kannst du dir leicht ausrechnen.", sagte Ronny und ging in Richtung Ausgang. Kevin folgte ihm und ließ mich wissen: "Du hast jetzt eine Stunde Zeit, um diese verdammten Aufgaben zu beschaffen. Dann kommen wir wieder und du kassierst deinen Lohn. So oder so! Enttäusche uns nicht!" Daraufhin fiel die Tür mit einem lauten Krachen ins Schloss.

"Scheiße!", schoss es mir durch den Kopf! "So ein verdammter Mist!". Resigniert schloss ich die Augen und ergab mich meinem Schicksal. Doch schon nach kurzer Zeit erwachten meine Lebensgeister wieder und mit ihnen reifte nach und nach ein Plan in mir, der ein breites Grinsen auf mein entstelltes Gesicht zauberte. Der Gedanke an eine Flucht aus diesem Kellerloch war völlig unrealistisch. Auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie ich es anstellen sollte, aber ich musste auf die Forderung der beiden Witzfiguren eingehen. "Das wird euch noch leid tun!", murmelte ich leise vor mich hin, biss die Zähne zusammen und erhob mich qualvoll von der Pritsche. Als ich mich vor dem Laptop niederließ, streifte die Ratte mein Bein und ich verzog angewidert das Gesicht. Je eher ich ihnen besorgte, was sie wollten, desto schneller kam ich hier wieder heraus. Also machte ich mich an die Arbeit.

Das Gerücht, ich sei ein erfolgreicher Hacker war gar nicht so verkehrt, wie ich behauptet hatte. Computer hatten mich schon immer fasziniert. Irgendwann war ich im Netz dieser Hackergruppe begegnet und teilte seitdem heimlich ihre Leidenschaft. Aber die Abiklausuren zu hacken, war schon eine ganz andere Hausnummer, als die Spielereien, mit denen ich mich bisher beschäftigt hatte. Als erstes nahm ich über den Laptop auf dem üblichen, verdeckten Weg Kontakt zu meinem Hackermentor auf und holte mir Hilfe von ihm. Der Gedanke, mich von ihm orten zu lassen, um Hilfe zu rufen, war verlockend. Aber nicht so verlockend wie mein Plan, Kevin und Ronny hereinzulegen, um es ihnen heimzuzahlen.

Als die beiden nach genau einer Stunde wieder den Kellerraum betraten, staunten sie dann aber doch, als sie auf dem Laptopbildschirm die Aufgaben und Lösungen der schriftlichen Abiturprüfung entdeckten. "Ich habe es doch gewusst", jubelte Kevin, "du bist ein Genie!"  Glücklich grinsend schnappten sie sich den Laptop, verließen ohne ein weiteres Wort den Raum und ließen die Tür offen stehen.

So schnell wie es mir mit meinen körperlichen Verletzungen möglich war, humpelte ich hinter den beiden her. Als ich auf die Straße trat, erkannte ich, dass sich das Haus, in dessen Keller ich eingesperrt gewesen war, in einer Nebenstraße zu meinem Elternhaus befand. Ich hatte mich lange nicht mehr so auf zu Hause gefreut wie in diesem Moment. Unterwegs das Leben zu genießen, schien mir plötzlich überhaupt nicht mehr verlockend.

Als ich unser Haus betrat, rief meine Mutter aus dem Keller: "Timo, bist du das? Alles in Ordnung? Ich habe mir schon Sorgen gemacht! Wenn ich die Wäsche aufgehängt habe, komme ich und mache dir Frühstück." "Alles bestens, Mama!", antwortete ich. "Bleib´ ruhig im Keller. Ich lege mich erstmal schlafen und esse später." Mir fehlte einfach die Energie, ihr jetzt meine Verletzungen zu erklären. Ich würde mir später eine glaubhafte Geschichte ausdenken. Dann schlief ich bis zum nächsten Morgen.

Als ich eine Woche später pünktlich zu meiner ersten Abiprüfung in der Schule erschien, waren meine Blutergüsse kaum noch zu erkennen und auch das Auge hatte sich wieder normalisiert. Einige Rippen schmerzten noch, aber ich ließ mich ja nicht in Sport prüfen. Die Lösungen für die Matheaufgaben, die mich gleich erwarten würden, sicher im Kopf gespeichert, betrat ich ziemlich entspannt den Prüfungsraum.

Lange vor dem Abgabezeitpunkt war ich mit meiner Klausur fertig und lehnte mich zufrieden zurück. Grinsend beobachtete ich Kevin und Ronny, die sich drei Reihen vor mir die Haare über den Aufgaben rauften. Eine grenzenlose Panik stand ihnen ins Gesicht geschrieben. In ihrer Euphorie über ihren scheinbar geglückten Plan hatten sie leider übersehen, dass ich die Lösungen an einigen Stellen entscheidend verändert hatte, so dass die Musterversion völlig unbrauchbar war.                                                                                                                                                                                                                                                             Beim Verlassen des Schulgebäudes zischte mir Ronny hasserfüllt zu: "Das wirst du büßen!" Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass er dazu in absehbarer Zeit keine Gelegenheit haben würde. Ich hatte in dem Laptop eine Spur hinterlassen, die den beiden demnächst einen Besuch des Landeskriminalamtes bescheren würde. Auf die Idee, dass die Abituraufgaben gehackt worden waren, würden die Beamten allerdings nicht kommen. Ich hatte ja schließlich kein Interesse daran, dass die Prüfung für alle wiederholt werden müsste.

Nein, meine Spur würde die Beamten zu einem viel schwerwiegenderen Verbrechen führen und Ronny und Kevin noch lange außer Gefecht setzen.

Ich für meinen Teil würde allerdings in Zukunft unterwegs deutlich vorsichtiger sein.