Hauptförderer
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KLASSEnSÄTZE-Siegerin 2015 in der Altersgruppe 10. Klasse und Oberstufe:

Lucia Huber vom Gymnasium Othmarschen mit ihrem Text "Meine Zeit und Du"

Meine Zeit und du, ihr sitzt auf den steinigen Stufen des Amphitheaters. Des Amphitheaters, das von längst vergangenem Schreien und Jubeln, von trampelnden Füssen, dem Weinen, dem Rufen nur noch eine Ahnung erfassbar lässt, die nun zwischen uns schwingt - zwischen dir, mir und der Zeit, die ich nicht habe, zwischen uns klingt, auch wenn du sie vielleicht nicht hören kannst. Sie vielleicht nicht hören willst und nicht siehst, was dein Verstand nicht greifen möchte. Ergriffen bist du selten, von keiner Angst, von keinem Hass, der sonst nirgendall, und einfach nur in der Sonne zu liegen reicht dir aus, sagst du, da im Schatten zu liegen doch viel öder sei.

Deine Welt scheint so fabelhaft, wenn du den Dingen andere Namen gibst und manchmal ahn’ ich nicht, wie wenig wahr das ist, wenn du was okay ist als glamourös bezeichnest. Wie wenig wahr das ist, wenn du behauptest, wir zwei, wir lebten auf der schönen Seite. Denn die Welt ist mehr als nur entzwei geteilt, sie ist abertausende Facetten des Glücks, von den Frauen aus der Spülmittelwerbung über deren Männer über deren Töchter, die später für Universitäten und Mercedes-Benz-Fahrzeuge aus den Werbungen für Universitäten und Mercedes-Benz-Fahrzeuge werben werden und ganz sicher auch sterben werden, so wie du und so wie ich, doch etwas gemacht haben werden aus ihrem Leben. Meine Zeit und ich, wir sind achtsam mit diesem Leben, wir wollen jemand werden, wir wollen was erreichen. Auch, wenn meine Zeit und ich vom Tempo nicht immer gleich sind!

Und nun sitzt du hier, neben mir auf den Stufen des Amphitheaters, wirkst wie jeden Morgen ohne Sorgen irgendwie wieder mies verkatert und bittest mich bitterlich, dir noch ein paar Wochen von meiner Zeit zu geben? Dann würden wir bestimmt funktionieren, sagst du. Dann würden wir das mit dem Wir vielleicht doch hinbekommen. Und wann wirst du kapieren, frage ich mich, dass ich nun mal zu D muss, um zu E zu gelangen, um zu F zu gelangen, um zu G zu gelangen und dass ich nie das Z erreichen werde, das große Z in weiter Ferne, aus dem Alphabet der Spülmittelfrauen- nie, wenn ich mich nicht von dir entferne, nie, wenn ich nicht ein Bisschen lerne, nie, ohne mich eben weiterzubewegen? Doch du bleibst stehen!

Du bleibst sitzen, du legst dich hin, wo du bist, mitten in die Sonne. Und denkst, dass uns das reicht. Du liegst unbesonnen und leise in der Sonne mit meiner Zeit. Und ja, es ist schön, zu liegen, wo man nicht im Schatten ist. Doch dieses matte Licht, dieser schwache Blick, ein Blick, ein Einblick in das, was für dich sein könnte, damit willst du dich zufrieden geben? Dann tu das.

Doch meine Zeit und ich, wir werden nicht weiter Händchen haltend mit dir durch Parkanlagen flanieren, vollbepackt durch Sand und Steppen laufen, um einfach nur den Wind auf der Haut zu spüren. Wir werden nicht mehr in beliebigen Kneipen zu beliebigen Liedern tanzen, bis wir mit dir zu zweit sind, die letzten am Tresen, um uns dann Stunden in deinen Augen zu verlieren. Atemzüge, Augenblicke, Wimpernschläge, klimpernd, träge, die Sekunden zu verlieren, die Sekunden, die gezählt sind, werden wir zu vermeiden wissen. Obwohl ich nicht leugnen kann, dass du uns Freude bereitet hast, meiner Zeit und mir.

Aber Freude. Was ist schon Freude, wenn wir himmelhoch jauchzen könnten. Weiter werden wir uns fortbewegen, fortstreben, fortbilden- fort von dir und fort von dem alten Amphitheater. Fort von hier und fort von mir wie ich mit dir mal war und wir werden dich hier alleine lassen. Mit deinen aufmerksamen Augen, dunkel und vertraut, mit deinem überzeugten Glauben an das Gute in den Dingen, mit deinen ausgefransten Turnschuhen, die nicht schön sind aber geliebt- weil das Weiter, weil das Draußen an der Hand uns nimmt und zieht, zieht die Zeit an meinen Fersen.

Ich hoffe, dass du mich verstehst.

Es zieht die Zeit an meinen Fersen.

Es tut mir leid, wenn ich jetzt geh’.

Es zieht die Zeit, es kommt ein Wind, es schreit ein Kind, es schreit die See.

Und bitte frag mich nicht von Neuem, wer von uns es ist, der lebt